35! 35 Sklaven arbeiten für mich. Das ist das erschreckende Ergebnis eines Selbsttests bei www.slaveryfootprint.org. Erschreckend. Verstörend. So viele! Das hatte ich nicht erwartet. Seit 20 Jahren habe ich keinen Fernseher mehr. Etwa ebenso lange ernähre ich mich von Bio-Lebensmitteln, wenn möglich, fair gehandelt. Meine Kleidung: Naturfasern mit geringstmöglichem Kunstfaseranteil. Gekauft: bis auf Schuhe alles aus 2. Hand, meistens bei Oxfam. Alle Dinge des Alltags pflege ich schonend und auf geringstmöglichen Verschleiß bedacht. Ich habe kein Auto, keinen PC und auch kein Handy. Und doch: 35 Sklaven arbeiten für mich.

Inzwischen weiß jede/r, dass die Billigkleidung in den Ramschkaufhäusern bei uns nur durch brutale Ausbeutung in zwangsarbeitsähnlichen Verhältnissen in anderen Ländern hergestellt werden kann. Beim Einkauf blenden wir das gerne aus und spielen „Blinde Kuh“. Wir vergessen die entfernteren Verwandten unserer globalen Menschenfamilie und richten den Blick stur auf uns selbst und den Inhalt unserer Geldbörse. Schon wieder Ebbe im Portemonnaie. Ich kann nur das billige T-Shirt kaufen, sagen wir uns dann. Mein schlecht bezahlter Job, Armutsrente oder das HARTZ-IV-Einkommen zwingen mich nun mal zum Billigkauf. Leider geht’s nicht anders.

Stimmt das?

Ja und Nein! Ja – denn das eigene reale Einkommen ist eine schlichte Tatsache. Nein – denn jede Lage lässt sich auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten und neu ausleuchten.

Fangen wir doch einmal ganz klein mit einem ganz großen Vorbild an. Mahatma Gandhi: „Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest!“

Jede/r kann seine eigenen Konsum- und Kaufgewohnheiten einmal unter die Lupe nehmen. Zum Beispiel so: „Listen Sie alle Güter auf, die Sie regelmäßig kaufen: Brot, Kleidung, Schuhe… Es reicht schon fürs erste, wenn sie nach Position 5 oder 10 erstmal Pause machen. Gehen Sie ins Internet. Recherchieren Sie. Klar: Viele haben das noch nie gemacht. Wenn man über die Schlagwortsuche nach „Produkt X, Hersteller Y, Nachhaltigkeit, Moral, Skandal, Fairness“ recherchiert, findet man schnell sehr viel über die Güter auf der Liste heraus. Recherchieren. Und dann gibt es ja auch noch die positive Seite: Immer mal wieder werden Produkte und Hersteller lobend erwähnt, die einen Fairness- oder Öko-Preis bekommen. Kaufen Sie die. Wenn wir Endkunden nur mächtig genug Rabatz machen und immer stärker faire Sachen kaufen, dann revolutionieren wir tatsächlich die Wirtschaft. Wir selbst sind die Globalisierung, im Schlechten wie im Guten.“ ( Prof. Evi Hartmann / Uni Erlangen-Nürnberg im Interview / jetzt / 22.02.2016 / hat auch ein Buch zum Thema mit dem Titel geschrieben: Wie viele Sklaven halten Sie? Campus-Verlag 2016).

Wer sein Einkaufsverhalten verändern und seinen Haushalt optimieren möchte, findet gute Tipps bei www.utopia.de. Zur sinnvollen Nutzung der im Haushalt vorhandenen Gegenstände gehört die Reparatur defekter Teile. Kostenlose Hilfe von Fachhandwerkern gibt es im Repair Café / Soldiner Kiez / jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat von 17-20 Uhr / Fabrik Osloer Straße e.V., Osloer Str. 12, 13359 Berlin.

Kleidung: Knöpfe annähen, Reißverschlüsse auswechseln, Kleidung länger, kürzer, enger oder weiter machen gehört schon lange nicht mehr zu den vermittelten Grundschulfertigkeiten. Leute von heute lassen sich von Nachbarn helfen oder anleiten zum Beispiel über den Kieztauschring www.tauschring-mitte.de oder über die Nachbarschaftshilfe im Netz: www.nebenan.de.

Soweit ein paar Anregungen zum Überdenken des eigenen Konsumverhaltens. Hinterm Horizont des eigenen Suppentellerrandes geht’s natürlich weiter. Und selbstverständlich liegen die Ursachen für die krassen Unterschiede der weltweiten Wohlstandsverteilung und Lebensqualität auch in den ökonomischen und gesellschaftpolitischen Strukturen. Kapitalismus, Hierarchie, Gewalt, Digitalisierung und Überwachungsstaat haben uns fest im Griff. In immer schnellerem Tempo rasen wir der Selbstvernichtung entgegen.

Ein Lichtblick: Kapitalismuskritische Stimmen finden inzwischen mehr Gehör. Neue Ideen und Alternativen werden dringend gebraucht. Im SPIEGEL Nr. 19 / 5.5.2018 ist über die Globalisierungskritikerin Kathrin Hartmann zu lesen: „Ihre Gegenutopie ist die Gemeinschaft. Oder, in einem alten Wort: Solidarität“.

„Man muss das Solidarische erleben, um zu wissen, was es heißt“, sagt sie. „Sonst versteht man nicht, welche Kraft darin steckt. Was Solidarität einem gibt, kann einem Geld niemals geben“. Sie träumt nicht von Katastrophe und Umsturz und Revolution. Aber schon von einem Systemwechsel, der vielleicht in einer Nische beginnt. In der Allmende-Wirtschaft beispielsweise, in der die Nutzung gemeinsamer Ressourcen gemeinsam geregelt wird. Oder überall da, wo genossenschaftliche Ideen umgesetzt werden – in Wohnbau-, Energie-, Bank-, Pflegeprojekten. Was da kommt… werde etwas wirklich Neues sein und nicht bloß ein neuer Anstrich. Und es werde einen langen politischen Kampf erfordern. „Die Zukunft“, sagt Kathrin Hartmann, „kann man nicht herbeischmusen. Es kommt der Punkt an dem die Menschen, die ausgebeutet werden, anfangen, sich zu wehren“.

Oft ein guter Weg: über die Empörung und den Protest ins Handeln, ins Machen kommen. Das wirkt gegen die eigene Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit. Dabei zuversichtlich, freundlich und gewaltfrei bleiben. Das sprengt den Teufelskreis der Gewalt. – War dir doch schon immer klar.

Linda Baum