EPIZ: Die Sustainable Development Goals sollen auf verschiedenen Ebenen umgesetzt werden – von international bis kommunal – wo sehen Sie die größten Herausforderungen für Berlin, um die SDGs umzusetzen?

Narcisse Djakam:

Für mich ist die größte Herausforderung die große Bandbreite der SDGs verbunden mit den ehrgeizigen Zielen. Mit 17 politischen Zielen soll eine nachhaltige Welt gestaltet werden. Das bedeutet, Bürokraten haben eine Vision entwickelt, wie man bürgernähere Probleme regeln kann. Die erste Herausforderung gilt von international bis kommunal, nämlich die lokalen Akteure zu sensibilisieren, die Ziele in ihre Institutionen und Strukturen zu integrieren.

Die zweite Herausforderung liegt in der Bereitschaft der Politik, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten. damit diese Akteure auch bei der Konkretisierung, bei der Umsetzung, bei der Lösungssuche und –findung von Aktivitäten und Aktionen, die die Ziele 2030 ermöglichen werden, mitwirken dürfen und können. Ich sehe auch die zwingende Notwendigkeit, die Schulen einzubinden. Ich persönlich arbeite sehr gerne mit Schulen und Jugendlichen, weil ich der Meinung bin, dass sie noch unvoreingenommen sind. Man kann mit ihnen über scheinbar utopische Ziele sprechen und frühzeitig Samen säen, damit sie später in ihrem Beruf gezielt Lösungen suchen und gute Entscheidungen treffen können.

Wenn ich von Schule spreche, denke ich auch, dass man diese Problematik in den Schulunterricht integrieren sollte. Man soll nicht denken, das sei bloß die Arbeit von Vereinen oder einzelnen engagierten Lehrern. Wenn das wirklich wichtig ist, muss das in den Unterricht integriert werden.

Als dritte Herausforderung sehe ich den Spagat zwischen internationalen und lokalen Wünschen. Wie sollen wir eine nachhaltige Welt konzipieren, wenn beispielsweise entwickelte Länder weiterhin massenhaft produzieren und erwarten, dass Entwicklungsländer ihre Industrie einschränken und den Umweltschutz als höchste Priorität ansehen? Man sollte einen Mittelweg finden, der für alle globalen Akteure gerecht ist.

Das gilt auch lokal. Deutschland hat eine föderale Struktur. Die Leute in Bayern werden bestimmte Prioritäten haben, die in Berlin vielleicht andere.

Die vierte Herausforderung ist die Einbindung der  Wirtschaft. Sie  soll überzeugt werden, mitzugehen. Sie sollen Nachhaltigkeit als strategisches Ziel in ihre Unternehmenskultur integrieren und nicht nur als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit ansehen.

Gibt es auch Bereiche, von denen Sie sagen, hier ist Berlin aufgestellt, hier können andere Städte von Berlin etwas lernen?

ND: Was Berlin angeht, denke ich, dass es mit seiner Geschichte und seiner Struktur eine Vorbildfunktion hat. Berlin ist kosmopolitisch, Berlin hat unzählige dynamische Vereine. Man spürt in Berlin die Bereitschaft der Politik, mit diesen Vereinen zusammen zu arbeiten. Hier können sich andere Städte inspirieren lassen. In Berlin gibt es Institutionen mit einer langen Geschichte, die seit langem Schwerpunkten haben, die sich in den SDGs befinden. Sie sehen die nachhaltigen Ziele 2030 nicht als Herausforderungen, sondern als Anerkennung ihrer Tätigkeiten. Das ist eine sehr gute Ausgangsposition. Ich denke hier an Strukturen wie z.B. den Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag – BER e.V., das Zentrum für globales Lernen – EPIZ e.V., die Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung – KATE e.V. mit seinem benbi-Programm und viele andere. Benbi gibt es jetzt seit 20 Jahren und es hat immer Nachhaltigkeitsthemen im Spannungsfeld lokal-global im Fokus. Ich finde, da können andere Städte von Berlin lernen. Entspannt in der Arbeit, professionell in der Zielsetzung.

Was ist Ihre Vision von Berlin im Jahr 2030 – was soll anders sein?

ND: Bevor ich über das Jahr 2030 spreche, würde ich benennen, was ich heute für Schwierigkeiten erkenne. Berlin hat ein Problem mit Armut, mit Ungleichheiten und der Umwelt. Diese Themen hängen auch miteinander zusammen. Ich bleibe für Berlin sehr optimistisch, da wir in Berlin sehr dynamisch sind. Ich sehe für 2030 weniger Ungleichheit. Ich sehe eine Stadt, in der jeder Einzelne sich entfalten kann, wo die Reichen reich bleiben können und die Armen nicht leiden müssen. Jeder kann seine Kinder zur Schule schicken und auch mal in den Urlaub fahren. Ich stelle mir vor, dass wir nicht mehr so viele Leute in der U-Bahn sehen, die Hilfe brauchen. SDG 16 ist strategisch wichtig, es geht um Frieden und Gerechtigkeit. Berlin wird am Beispiel der Geflüchteten zeigen, wie es gelingen kann, diese hier aufzunehmen. Dass sie Chancen gefunden haben, sich einzugliedern.  Berlin wird ein Beispiel sein, nicht nur von Integration, sondern auch von Beteiligung, Öffnung, Fairness und letztlich von Mut zur Gerechtigkeit.

Wie engagieren Sie sich für ein nachhaltiges Berlin?

ND: Ich habe eine persönliche Beziehung zu Berlin und einzelnen Strukturen und Menschen, mit denen ich arbeite. Ich liebe und schätze diese Stadt sehr, genau wie alle Menschen, mit denen ich arbeite. Mein Engagement hat seine Wurzeln in dem Verein iNTEGRiTUDE e.V., den ich vor knapp 10 Jahren gegründet habe. Dort zelebrieren wir unsere Vision einer gerechten Welt durch Veröffentlichungen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen und besonders Projekte für Kinder und Jugendliche. Als Bespiel nenne ich hier zwei konkrete Aktionen für Kinder und Jugendliche:

Bei „Wechselwirkung – informelles Lernen“ basteln wir gemeinsam mit weggeworfenen Materialien. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen beibringen, sich lokal mit  der Frage von  Konsum und Umweltschutz zu beschäftigen und eigenständig Antworten zu finden. Im Projekt „Entwicklungspoltische Leitlinien aus der Sicht der Jugendlichen“ werden wir einzelne SDGS mit Jugendlichen thematisieren und eine Konferenz mit ihnen machen.

In Berlin bin ich auch in einigen Gremien beteiligt, so bin ich im Vorstand von EPIZ e.V. (Zentrum für globales Lernen), BER e.V.(Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag) und VIA (Verband interkultureller Arbeit). Bei BER bin ich zuständig für das Thema „Globales Lernen“. Das heißt, mein Engagement geschieht durch Mitgestaltung und Beteiligung. Außerdem bin ich Bildungsreferent bei Engagement Global und KATE e.V. (Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung) und kann kontinuierlich meine Erfahrungen direkt mit SchülerInnen austauschen.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten das Land Berlin direkt bei der Umsetzung der Agenda 2030 beraten – welche Schwerpunkte sollten Ihrer Meinung nach gesetzt werden?

ND: Am wichtigsten sind für mich die SDGs 1und 12.

Fangen wir mit SDG 1 an. Da im globalen Wettbewerb die Produktion immer stärker automatisiert und digitalisiert wird, sind viele Fachkräfte durch die Technik ersetzbar. Viele können keinen Job mehr finden, obwohl sie qualifiziert sind. Diese Menschen sollen mit viel Respekt und Empathie wahrgenommen werden. Ich würde das bedingungslose Grundeinkommen als ernstzunehmende Lösung betrachten. Jeder Mensch hätte dann das Recht, ein Minimum zu bekommen, egal ob er eine Arbeit hat oder nicht. Das wäre eine faire Basis. Die Frage von Armut ist kritisch und hat direkt mit Ungleichheiten zu tun. Durch Armut entstehen schlechte Bildungschancen. Arme Kinder werden schlecht auf die Zukunft vorbereitet.

Dann SDG 12: Hier gefällt mir vor allem das Wort „Verantwortung“. Wir produzieren so viel Müll… Das lässt sich gut mit der Frage nach unserem Konsum verbinden: Müssen wir überhaupt so viel produzieren? Es ist gut, die Menschen dazu zu bringen, stärker auf Qualität zu achten, anstatt nur in Massen zu produzieren und konsumieren.

Interview mit Nicola Humpert (EPIZ e.V.)

Bild: 6. Netzwerktreffen Migration und Entwicklung auf kommunaler Ebene in Nürnberg
Copyright: Engagement Global / Foto: Helene Claußen